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Somaliland: Die Klimakatastrophe stellt die Menschen vor die Existenzfrage

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Wenn Abdullahi Hashi Yusuf (52) von der Dürre der letzten Jahre erzählt, liegt kein Vorwurf in seiner Stimme. Keine Wut über das harte Schicksal seiner Familie ist zu spüren. Abdullahi ordnet seine Gedanken. Wort für Wort. Um selber zu verstehen, was ihm und seiner Familie widerfahren ist.

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Abdullahi war ein wohlhabender Viehbauer. Die stolze Zahl von 450 Tiere nannte er sein Eigen: Schafe, Ziegen, ein paar Kamele. Als Nomade zog er mit ihnen von Weideplatz zu Weideplatz. Davon hat er ein Leben lang gut gelebt. Seiner Familie hat es an nichts gefehlt. 2015 dann hat das Drama seinen Anfang genommen: «Der Regen blieb aus, es fehlte das Futter und bald begann das Sterben», erzählt Abdullahi. «Fast alle Tiere sind jetzt tot. Überall liegen die Überreste meiner Schafe und Ziegen.»

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Der Klimawandel hat zehntausenden von Nomaden in Somaliland die Existenz geraubt. Von 2015 bis Mitte 2018 hat es kaum geregnet. Bis zu 95 Prozent der Tiere sind verdurstet oder verhungert. Das ist für jede einzelne Familie eine Tragödie. Und weil Somaliland wesentlich von der Viehzucht und vom Viehexport abhängig ist, steht die ganze Volkswirtschaft vor dem Ruin.

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Ali Muhammed Bullale (25) arbeitet bei der Caritas-Partnerorganisation Health Poverty Action und ist in den von der Dürre am meisten betroffenen Regionen verantwortlich für die Nothilfe. Er hat hat einen Masterabschluss in Public Health der Universität von Hargeisa und kennt die Not der Menschen: «Das Klima hier ist sehr empfindlich. Landwirtschaft kann man nicht betreiben. Die Menschen leben von ihren Tieren. Während der Dürre haben sie ihre Herden verloren. Das Überleben ist für sie sehr schwierig geworden.»

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Im einem abgelegenen kleinen Gesundheitsposten treffen wir Yassin Ibrahim (32). Er ist Gemeindekrankenpfleger und verantwortlich für die Grundversorgung von 8500 Menschen. Jeden Tag ist er mit den tragischen Folgen des Klimawandels konfrontiert. Was er über die Lebenssituation der Menschen in seiner Gegend zu sagen hat, ist bedrückend.

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«Die Unterernährung ist das schlimmste Problem hier. Sie ist die Hauptursache für gravierende Folgekrankheiten: Tuberkulose, Lungenentzündungen, Blutarmut, Nierenprobleme. Viele essen nur einmal pro Tag etwas Reis. Weil es kaum Milch gibt, ist das zu wenig», erzählt Yassin.

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Viele Eltern können ihre Kinder nicht ausreichend ernähren. Der Mangel ist ein ständiger Begleiter. Niemand hat gezählt, wie viele Kinder bereits an Hunger gestorben sind. «Wir haben alles verloren, auch unsere Kinder. Und du kannst nichts tun. Die Kinder sterben vor unseren Augen», erzählen die Mütter.

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Mobile Gesundheitsteams sind in den weit verstreuten Dörfern und Flüchtlingscamps der Region unterwegs. Ihre Aufgabe ist es, die Kinder alle zwei Wochen auf ihren Gesundheitszustand hin zu untersuchen. Wenn ein Kind Anzeichen einer schweren Unterernährung zeigt, die nicht mehr vor Ort behandelt werden kann, wird es in die Akutstation des Spitals von Berbera überwiesen.
Die Krankenschwester Hemsi Mustafer (26) arbeitet seit dem Start des Programms vor eineinhalb Jahren im Mobile Team. «Es ist eine sehr harte Arbeit. Besonders belastend sind die langen Fahrten auf schlechten Strassen von Dorf zu Dorf. Heute Nachmittag fahren wir noch 140 Kilometer bis ins nächste Dorf weiter», erzählt sie. «Das ist sehr anstrengend.»

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Oft liegen die Dörfer 200 und mehr Kilometer von Berbera entfernt. Für den Notfalltransport stehen deshalb Ambulanzen zur Verfügung. Ohne diese Ambulanzfahrzeuge käme die Hilfe für viele Kinder zu spät.

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Die Gegend entlang der Küste ist auf dem Landweg nicht zu erreichen. Im Hafen von Berbera liegt deshalb ein Ambulanzschiff, das die Gesundheitsteams in die Dörfer bringt.

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Hinda Ali Abdi (17) kommt aus Dhibijio. Das Dorf liegt mehr als eine Tagesreise von Berbera entfernt. Hindas 18 Monate alter Sohn Jimale ist schwer unterernährt und leidet an einer Tuberkulose. Vor drei Tagen war sein Zustand so kritisch, dass er mit der Caritas-Ambulanz ins Spital gebracht werden musste. Er hatte das Bewusstsein verloren und sein Leben hing an einem seidenen Faden. Ohne die Hilfe der Caritas wäre Jimale gestorben. Die Familie hätte sich weder die Fahrt ins Spital noch den Aufenthalt in der Klinik leisten können.

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Mihim (5 Monate) wurde vor drei Tagen notfallmässig eingeliefert. Er war in einem sehr schlechten Zustand. Seine Mutter Warda (21) hat inn mit Muttermilch ernährt. Selber unterernährt, konnte sie ihm aber zu wenig Milch geben. Kuh- oder Kamelmilch konnte sie sich nicht leisten. Deshalb hat sie Mihim zusätzlich mit Pulvermilch gefüttert. Weil Holz sehr teuer ist, hat sie die Pulvermilch jedoch mit nicht abgekochtem Wasser angerührt. Schwerer Durchfall war die Folge. Er hätte Mihim fast das Leben gekostet.

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In der Regel bleiben die Kinder etwa zwei Wochen im «Stabilisierungszentrum», wie die auf die Behandlung von unterernährten Kindern spezialisierte Abteilung im Spital von Berbera heisst. Die Zeit des Aufenthalts wird dazu genutzt, um die Mütter über Schwangerschaft, richtige Hygiene, das Stillen aufzuklären.

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Das wohl wichtigste Überlebenswerkzeug für die Opfer der Klimakatastrophe in Somaliland ist das Mobiltelefon. Damit können die Menschen nicht nur über weite Distanzen mit ihrer Familie kommunizieren. Das Telefon ist auch eine mobile Geldbörse, die mit einem elektronischen Konto verknüpft ist. Ob im Dorfladen oder auf dem Markt: bezahlt wird immer häufiger mit dem Handy. Das ist einfacher, sicherer und günstiger als Bargeld.
Im Rahmen ihrer Nothilfe setzt auch die Caritas auf elektronisches Geld. Nahrungsmittel werden kaum mehr verteilt. Die Ärmsten sollen sich auf dem lokalen Markt mit dem, was sie wirklich brauchen, selber versorgen.

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Eine der Begünstigten der Caritas ist Fatima Mohammad (70). Sie sorgt für die fünf Halbwaisen ihres Sohnes. Die Familie hat während der Dürre mehr als 300 Tiere verloren. Nur drei Ziegen und zwei Esel sind übriggeblieben. Ausgezehrt und dem Hungertod nahe, flüchtete die Familie aus der Wüste in das kleine Dorf Beer. Unmittelbar nach der Ankunft starb Fatimas Schwiegertochter bei der Geburt des sechsten Kindes. Die junge Mutter war geschwächt und litt an Blutarmut. Das neugeborene Mädchen lebte ein paar Stunden. Während ihr Sohn unterwegs ist, um als Taglöhner wenigstens etwas Geld zu verdienen, kümmert sich Grossmutter Fatima um die Kinder: Ayanle, Hassan, Awa, Kadan und Fosia, die Älteste.

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Mit den umgerechnet siebzig Franken pro Monat, die sie von der Caritas bekommt, kann Fatima kaufen, was sie für sich und die fünf Kinder am dringendsten braucht: Reis, Milch, Zucker, Gemüse, Mehl, Öl, aber auch Waschmittel oder Kleider. Fatima schätzt es sehr, dass sie jetzt selber bestimmen kann, was und wo sie einkauft: «Wir haben schon Pakete mit Mais und Hirse bekommen, die voller Ungeziefer waren und nur noch als Futter für die Esel zu gebrauchen waren. Mit dem Geld, das ich von der Caritas auf das Mobiltelefon bekomme, kann ich im Laden auf die Qualität der Lebensmittel achten, aber auch darauf, dass etwas Abwechslung in den Speiseplan kommt. Das ist gut für die Kinder.»

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Caritas und andere Hilfsorganisationen stehen den Opfern der Klimakatastrophe in Somaliland bei und leisten Nothilfe. Doch wie geht es weiter? «Das wissen nicht», sagen die Mütter in Lamodheere, einem unwirtlichen Ort in der Nähe der Stadt Burao, wo die Klimaflüchtlinge gestrandet sind. «Aber wir haben Ideen, wie wir wieder auf die Beine kommen. Wir müssen uns andere Fähigkeiten aneignen, damit wir unsere Existenz sichern und zu Jobs kommen können. Vielleicht müssen wir lernen, den Boden zu bearbeiten und Wasser zu speichern. Oder wir lernen, als Maurer oder Schneider zu arbeiten. Dann haben wir eine Chance. Aber für all das brauchen wir Geld. Wir können das nicht alleine machen. Damit wir eine Zukunft haben, brauchen wir Hilfe.»

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Die Industriegesellschaft im Norden ist direkt verantwortlich für die Klimakatastrophe in den Ländern des globalen Südens. Wir sind gefordert, alles zu tun, damit die Menschen dort langfristig überleben können.

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